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Rundbrief II

Autor: Anja | Datum: 15 März 2015, 02:03 | 0 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Familie, Freunde und Unterstützer, da ist er also, schon der zweite offizielle Rundbrief meines Auslandsaufenthaltes!Und es geht auch direkt los. Viel Spaß!

Mein Tagesablauf

Seit meinem letzten Rundbrief ist so Einiges geschehen! Die wohl größte Veränderung war die, dass ich umgezogen bin und von meinem ersten Asrama (Wohnheim) in das Zweite gewechselt habe. Das liegt daran, dass das erste Asrama leider leer und somit etwas einsam war. Das Zweite ist aber voller Studenten der Kirchlichen Hochschule der BNKP! Durch meinen Umzug bildet sich auch ein Tagesablauf, den ich gerne beschreibe:

Montag – Freitag

Um 5 Uhr wache ich das erste Mal auf, wenn der Muezzin ruft. Das freut mich aber schon seit drei Monaten, da ich das sehr schön und beruhigend finde! Um 6 Uhr wacht dann auch das restliche Asrama auf, ich höre die Studenten mit ihren Wasserkellen auf dem Weg zum Badezimmer klappern und hier und da ertönt ein Morgengesang. Da ich in dem Gästehaus wohne, habe ich das Privileg, ein eigenes Zimmer und den dazugehörigen Gemeinschaftsraum plus zwei Bäder zu benutzen! Ganz schön viel Platz! Um 06:30 Uhr läutet die Glocke zum Frühstück. Hier wird das aber nicht so ernst genommen mit den gemeinsamen Mahlzeiten. Entweder man kommt zum Essen oder nicht. Manchmal, wenn ich morgens wirklich keinen Appetit auf Reis und Trockenfisch habe, dann setze ich mich mit Cornflakes und Milch (denn Gunungsitoli hat seit ein paar Wochen frische Milch im Angebot!) an meinen Tisch, mache „Stille Zeit“, lese danach ein bisschen und genieße die Zeit und Ruhe morgens. Um 7 Uhr mache ich mich dann die eine Minute auf dem Weg zu der Grundschule der BNKP, denn durch meinen Wohnortwechsel muss ich nicht mehr 2 ½ Kilometer bis zur Schule fahren. Kaum betrete ich das Schulgelände, werde ich auch schon freudestrahlend begrüßt. Danach gehe ich in unterschiedliche Klassen, helfe auch mal im Unterricht, fühle mich aber ansonsten als Praktikantin, die zuguckt, beobachtet und lernt. Auch mal schön! Natürlich kommt es manchmal auch vor, dass auf einmal keine Lehrerin kommt. Dann muss ich die Klasse übernehmen, was für beide Seiten etwas überfordernd ist (das mit der Sprache ist so eine Sache). Es ist doch besser, wenn die Kinder was vom Unterricht haben. Um 12 Uhr habe ich Schluss und gehe zurück ins Asrama, zum Mittagessen. Dann nehme ich meistens ein Becak (Motorradtaxi) und fahre damit zum Kantor Sinode, dem Gemeindebüro, um dort ins Internet zu gehen. Um 15 Uhr geht es zurück zum Asrama, dort wasche ich entweder meine Wäsche, lese etwas, mache wie die Studenten auch Mittagsschlaf... Um 18 Uhr ist es Zeit für das Abendessen und um 19 Uhr für die Ibadah, dem abendlichen Gottesdienst. Danach geht ein Teil der Studenten noch in einen Kurs, manchmal begleite ich sie, aber meistens sitze ich bei meiner Freundin Yadi auf dem Zimmer oder gehe in meines und lege mich relativ früh (um 20:30 Uhr) ins Bett. Denn auch wenn sich mein Tagesablauf nicht sonderlich anstrengend anhört, so ist die mir andere Kultur und das Erlernen einer neuen Sprache eine große Aufgabe für mein Gehirn!

Samstag und Sonntag

Samstags ist der Tag, an dem ich aufräume, wasche und putze! Sonntags steht natürlich der Gottesdienst an. Als ich noch im Asrama Deborah gewohnt habe, bin ich in die Stadtkirche gegangen. Jetzt werde ich meine Sonntage aufteilen und mit verschiedenen Studenten mitgehen. So kriege ich ja auch viel mehr mit, als wenn ich ein Jahr lang nur in eine Kirche gehe. Nach der Kirche ist es meist wieder sehr entspannt. Gegessen wird übrigens in der „Aula“, in der abends auch die Ibadah stattfindet und auch sonst Versammlungen, wenn etwas besprochen werden soll. Nach dem Essen pilgern wir zusammen zu einer Art Stein, aus dem ein paar Wasserhähne ragen und an diesem Platz waschen dann alle fröhlich ihre Brotboxen, die wir danach wieder in der Küche abgeben um zur nächsten Mahlzeit wieder Reis, etwas Gemüse und Fisch darin zu finden.

Dezember 2014

Der Dezember war geprägt von Weihnachtsvorbereitungen und gemischten Gefühlen meinerseits deswegen. Während bei 30 Grad Hitze im Supermarkt „Jingle Bells“ vor sich hindudelte und mir Plastikbäume in den grellsten Farben ihre buntesten Kugeln und Lichterketten präsentierten, kam ich nur schwerlich in die Weihnachtsstimmung. Außerdem fehlt einem die Familie doch sehr um diese Zeit. Deshalb habe ich Nikolaus mit einer Freiwilligen aus dem Nias-Museum in Westnias verbracht, in Afulu. Wir haben bei Bewohnern des Dorfes gewohnt und sonst den Tag am Strand verbracht, Kokosnüsse genossen und sind viel Schwimmen gewesen. Das war eine gute Art und Weise, den Nikolaustag zu verbringen!

Um die Weihnachtszeit herum bin ich zu einer Familie in Gunungsitoli gezogen. Weihnachten ist außer einem Kirchgang nicht sonderlich viel passiert. Daher war es dann auch auf einmal vorbei, wie ein ganz normaler Tag eben. Der einzig weihnachtliche Moment war, als in der Kirche der Strom ausgefallen ist und die gesamte Gemeinde a-kapella „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen hat, mit Kerzen in der Hand. Das waren zwei Minuten von Weihnachtsfeeling! Aber im Nachhinein muss ich sagen, war es auch nicht so schlimm, ein Jahr keine Weihnachten zu haben. Es ist auch einmal eine Erfahrung.

Silvester waren wir bei Verwandten der Familie und haben zusammen einen kleinen Gottesdienst gefeiert. Um 23 Uhr ließen wir Lampions mit unseren Wünschen in den Himmel und sind dann – für mich merkwürdigerweise – nach Hause gefahren. Die Eltern haben sich schlafen gelegt, wir „Kinder“ haben allerdings das Neujahrsfest Jakartas über den Fernseher verfolgt.

Zwischendurch hatte ich noch die Gelegenheit, in den Süden Nias´ zu fahren, dort, wo die traditionellen Häuser stehen. In Bawömataluo konnte ich das riesige Haus bewundern, das ohne Nägel gebaut wurde und somit erdbebensicher sein soll! Bis jetzt hat es sich auf jeden Fall gehalten und ich kann sagen, dass Bawömataluo eine beeindruckende Kulisse mit einer tollen Aussicht war.

Januar 2015

Im Januar bin ich dann wieder für eine Woche in mein altes Wohnheim gezogen und kurz danach ging es auch direkt in das Andere. Ich muss mich erst einmal wieder daran gewöhnen, dass mich so viele Menschen anstarren und ich für die Studenten echt eine Attraktion bin. Aber ich habe schon einige nette Menschen kennengelernt und bin definitiv zufrieden damit, hier zu sein! Dass nach Weihnachten vor Weihnachten ist, habe ich besonders im Januar bemerkt! Erst da ging es so richtig los mit all den Weihnachtsfesten, das Fest des Gemeindebüros, der Schulen, ein Fest, auf das mich meine Freundin Final mitgenommen hat... Im Grunde ähneln sich die Weihnachtsfeiern alle sehr und selbst auch andere Feste wie Hochzeiten oder Beerdigungen laufen im gleichen oder zumindest ähnlichen Schema ab. Beim Weihnachtsfest des Gemeindebüros sollte ich auch die Maria spielen. Was war ich nervös... Irgendwie scheint sich mein Image als Mensch, der kein Problem mit Aufmerksamkeit hat, in Indonesien drastisch zu ändern. Da mir eh oft genug Aufmerksamkeit zu teil wird, einfach dadurch, dass ich weiß bin, ist es mir häufig unangenehm, dann auch noch absichtlich ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit gestellt zu werden. In solchen Momenten muss ich mich dann ziemlich überwinden, aber danach habe ich meistens ein echt gutes Gefühl, weil ich wieder etwas geschafft habe!

Februar 2015

In den neuen Monat Februar habe ich mit einem Ausflug mit meiner Freundin Yadi und mehreren anderen Studenten gestartet. Es ging wieder nach Süd-Nias. Nach einer zweistündigen Autofahrt waren meine Reisebegleiter fix und fertig und fragten mich, ob ich von der langen Fahrt nicht totmüde wäre. Da ich aber dank deutscher „Wir fahren mit dem Auto nach Dänemark“- Tradition zwei Stunden echt entspannt fand, musste ich dies verneinen, habe aber solidarisch auch Rast gemacht. Nach einem leckeren und üppigen Essen (es gab neben Reis auch Kartoffeln und lachend wurde zugesehen, wie ich ordentlich reingehauen habe!) ging es dann spontan weiter und ich hatte ein zweites Mal die Gelegenheit, Bawömataluo zu besuchen. Die Atmosphäre dort ist wirklich sehr besonders, ein wenig, als wäre die Zeit stehen geblieben. Damit will ich nicht sagen, dass Bawömataluo unmodern ist, die Menschen haben alles, was man auch in Gunungsitoli finden kann, aber die traditionellen Häuser, die flimmernde Hitze und die steile Treppe, die hinauf ins Dorf führt und es so abgeschieden wirken lässt, ja, das ist schon etwas ganz Besonderes! Auch das „Kinghouse“, das Haupthaus, konnte ich diesmal von innen bewundern. Viel zu schnell wurde leider zum Aufbruch gedrängt und wir fuhren wieder nach Hause. Trotz mehrerer Pausen, die zum Fotomachen gemacht wurden, war es echt ein schöner Ausflug. Vor dem „Kinghouse“ in Bawömataluo

Im Februar beschäftige ich mich auch mit der Zukunft, habe mir meine Unifächer und die dazugehörigen Universitäten herausgesucht, da ich im März und April oft unterwegs sein werde und mich im Mai schon bewerben muss. Ganz schön schnell ist das gegangen!

Ein weiteres prägendes Erlebnis hat sich noch Anfang Januar abgespielt: Es war um die Mittagszeit und auf einmal hörte ich laute Schreie aus dem Asrama der Mädchen, Schreie, die einem durch Mark und Bein gingen. Wie alle anderen Mädchen auch bin ich aufgesprungen und hinaufgelaufen. Was sich uns da für ein Anblick bot, ist schwer zu beschreiben: Ein Mädchen lag auf dem Boden, von Krämpfen geschüttelt, acht andere Mädchen mussten sie festhalten, damit sie sich nicht die Haare vom Kopf riss und um ihre wild um sich schlagenden Beine und Arme zu fixieren. Sie schrie auf Niassisch, hatte die Augen geschlossen und versuchte immer wieder, sich die Haare auszureißen. Trotz ihrer Worte bemerkte man, dass sie nicht bei Bewusstsein war. Es war eine sehr beängstigende Szene und ich hatte so etwas Ähnliches nur in einem Film über Dämonenaustreibung gesehen, den wir auf dem Ausreisekurs gezeigt bekommen hatten. Aber ich glaube nicht an Dämonen und fragte deshalb, ob etwas passiert sei. Ja, vor einem Jahr sei sie im Waschraum sehr schlimm auf den Hinterkopf gestürzt, seitdem hätte sie drei Mal schon diese Anfälle gehabt. Ich fragte, warum man sie nicht ins Krankenhaus bringen würde. Daraufhin entbrannten hitzige Diskussionen, es gab zwei Seiten, pro und kontra, aber ihre Freundinnen waren dagegen. Es sei zu gefährlich, was könnten die im Krankenhaus schon machen und außerdem – wie würde sie da hin kommen? Ich bemerkte, wie ich wütend wurde, denn meinem Verständnis nach musste dieses Mädchen sofort ins Krankenhaus und als ich einmal ein kleines Bläschen an der Lippe hatte, musste ich mich mit aller Kraft dagegen wehren, ins Krankenhaus gebracht zu werden! Warum dann nicht jetzt? Als ihr Anfall nachließ, ging ich mit ein paar anderen Mädchen zurück. Langsam konnte ich meine Wut wieder beiseite schieben. Ich konnte auch die Freundinnen verstehen, die sich gedacht haben müssen: „Die Weiße kommt hierhin und gibt gute Ratschläge. Die hat gut reden.“ Ich bin es aus Deutschland gewohnt, ins Krankenhaus zu fahren, eine Krankenversicherung zu haben und eine Rufnummer, die einen Krankenwagen vorbeischickt. Aber die Mädchen hatten schon recht: Sie hatten keinen Wagen, keinen Fahrer, kein Geld und wussten, dass der Anfall irgendwann nachlassen würde. Trotzdem bin ich immer noch besorgt, vor allen Dingen, da abends auf einmal wieder diese Schreie aus einem Asrama kamen, diesmal von einem anderen Mädchen. Meine Freundin Yadi und ich rätselten den ganzen Abend, was man machen könnte, kamen aber zu keiner vernünftigen Lösung. Eine halbe Stunde ging es am Abend und sogar die Jungen kamen (verbotenerweise) zum Mädchenasrama und brachten frische Rinde vom Bananenbaum, die um den Kopf gewickelt wurden. Seitdem ist nichts dergleichen passiert und wir hoffen sehr, dass es auch so bleibt!

Und nun noch zu einem sehr wichtigen Thema: Essen!

Es ist beinahe unmöglich, Essen zu verweigern und ganz ehrlich – oft will ich es auch einfach nicht. Dazu ist es viel zu lecker! Auch wenn natürlich auch öfter Halluzinationen von Croissants, Graubrot mit Nutella und Schinken-Nudel-Gratin an meinem inneren Auge vorbeifliegen, so habe ich wirklich keinen Grund, mich über das Essen zu beklagen! Besonders toll sind die Lunchboxen, die bei jedem Event verteilt werden (damit man auch ja genug isst). In diesen herrlich duftenden Papierboxen befinden sich meistens: Reis. Gemüse. Fleisch. Eine Banane. Löffel. Serviette. Zahnstocher. Es gibt für mich nichts Besseres als diese Lunchboxen und ich freue mich jedes Mal auf´s Neue darauf! Besonders toll ist es, wenn man ein bisschen Schwein in seiner Lunchbox findet. Schwein ist das traditionelle Gericht auf Nias und das gibt es vor allen Dingen auf Hochzeiten und sehr großen Veranstaltungen. Es ist unglaublich wichtig! Heiraten kann nur der, der sich zehn Schweine leisten kann, um sie seinen Gästen vorzusetzen. Das kann bei den ersten Malen für einen deutschen Freiwilligen etwas ungewohnt sein, wenn dann da auf einmal der Schweinekiefer auf dem Teller liegt, aber man kann sich ja aussuchen, was man vom Schwein isst. Da ich nicht wirklich einen Unterschied zwischen den einzelnen Teilen erkennen kann, esse ich einfach das, von dem die Leute mir sagen: „Das ist gut!“ Und wenn man es dann erst mal heraus hat, wie man das gute Fleisch von Fett und teilweise Borsten unterscheidet, dann gibt es nichts Besseres als Schwein!

Bisher erfreue ich mich einer wunderbaren Gesundheit, die mich selbst überrascht. Bis auf eine Nacht voller Magenschmerzen dank eines Warungs (Straßenrestaurants), bei dem sich schon beim Betreten mein Bauchgefühl gemeldet hat, ich es aber gepflegt ignoriert habe, kann ich mich gesundheitlich nicht beklagen! Merke also: Einfach auf das Bauchgefühl hören, das muss es ja später auch wieder ausbaden.

So, das ist nun das Ende meines 2. Rundbriefes. In drei Wochen geht es los zum Zwischenseminar nach Malang, auf dem ich die anderen Freiwilligen wiedersehen werde. Darauf freue ich mich schon sehr. Und knapp drei Wochen später werde ich zwei Menschen in die Arme schließen, die ich dann seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe – Mama und Papa. Aber pelan-pelan (schön langsam) und satu-satu (Schritt für Schritt). Jetzt gibt es erst einmal Mitttagessen. Vielen, vielen Dank, liebe Grüße und Ya´ahowu aus Nias!

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