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100 Tage

Autor: Anja | Datum: 20 Januar 2015, 06:32 | 2 Kommentare

Das ist doch ein guter Anlass, um einen neuen Blogeintrag zu verfassen, oder? ;-)


Hundert Tage ist es heute her, dass ich aus Deutschland ausgereist bin. Ich weiß nicht wieso genau, aber in Freiwilligenkreisen ist "Tag 100" oft ein besonderes Datum. Ist es auch. Irgendwie.

So und deshalb erzähle ich jetzt ein bisschen! (Vorab: Es ist in Kategorien geordnet, kann also manchmal nicht sonderlich chronologisch sein.)

Zwei Hochzeiten und zwei Todesfälle

Kurz nach meinem Nikolaustrip nach Afulu (ich berichtete) stand eine Hochzeit im "höheren Kreise" an. Sie fand in Gunungsitoli statt und was ich mit höheren Kreisen meine, wird sich bald herauskristallisieren. Die Familie hatte genug Platz, um rund 300 Gäste auf ihrem eigenen Gelände unterzubringen. Im Badezimmer habe ich zum ersten Mal nach langer Zeit einen Duschkopf gesehen. Und das gesamte Gelände war so prachtvoll und bunt geschmückt, dass ich mir ein bisschen underdressed vorkam mit meinem orangenen Rock und meiner weißen Bluse, während die ganzen Damen um mich herum in knallbunten Kebayas gekleidet waren. Zu meinem Trost: Gwen, die ich mitgeschleift hatte, hatte fast das gleiche Outfit wie ich an ;)
Unsere Hoffnung auf eine "typisch niassische" Hochzeit zerschlug sich nach vier Stunden voller Reden, Reden, Reden (Niasser lieben Reden!!). Nach einem kurzen Lunch (dazu später mehr) gingen wir nach Hause, leicht enttäuscht, dass wir keine Zeremonie und kein Weinen mitbekommen hatten (die Braut muss traditionellerweise nämlich während der Zeremonie weinen. Wenn das nicht klappt, wird ihr Eukalyptus unter die Augen geschmiert. Klappt aber meistens auch ohne.)

Vier Wochen später hatte ich dann die Gelegenheit, einer zweiten niassischen Hochzeit beizuwohnen! Sie fand auf dem Dorf statt, eine Stunde von Gunungsitoli entfernt. Zuerst wurde viel geredet (natürlich :D), doch nach einiger Zeit machte sich die gesamte Hochzeitsgesellschaft zu Fuß durch den Wald (Dschungel) um zu einer winzigen Kirche zu gelangen. Um es kurz zu machen: Ja, es wurde geweint und die Traditionen wurden alle ordnungsgemäß erfüllt. Dazu gab es noch wirklich schöne Lieder und nach Abschluss der Trauung für alle Gäste Schwein (auch dazu mehr).

Innerhalb der letzten Woche war ich dann auch auf zwei Trauerfeiern, die sie sich ähnlich unterschieden wie die Hochzeiten. Der erste Verstorbene war der Vater des Bischofs, der im hohen Alter gestorben ist! Ja, das war ein Kommen und Gehen im Haus, die gesamte Straße wurde gesperrt, der Verkehr von Polizisten geregelt und überall standen wieder riesige Beileidsbekundungen. Zusammen mit den Mitgliedern des Kantor Sinodes, des Gemeindebüros, betrat ich das Haus des Verstorbenen. Ich hatte mit Trauer gerechnet wie ich sie aus Deutschland kenne, doch die Angehörigen saßen alle auf Stühlen um einen Tisch herum und unterhielten sich fröhlich. Wie es sich gehört, machte ich die Runde und gab jedem die Hand, quetschte mich zwischen die Beine der Leute und die des Tisches mit dem hübschen, weißen Zierdeckchen. Als ich meinen Kopf nach rechts wandte, starrte ich auf einmal - in das Gesicht des Toten! Der "Tisch" war nämlich der Sarg und das "Zierdeckchen" das Tuch, das ihn bis auf den Kopf bedeckte. Das war also mein erster Toter... Mehr ist aber nicht passiert. Es wurde viel geredet und dann gingen alle wieder ihres Weges.

Die zweite Trauerfeier war hingegen ziemlich traurig. Der Vater einer Schülerin der Grundschule (1. Klasse) ist verstorben und wir Lehrerinnen machten uns gestern (19.1.) auf dem Weg ins Dorf zur Trauerfeier. Obwohl es ein trauriger Anlass war, habe ich die lange Fahrt auf dem Motorrad sehr genossen, denn es gibt nichts Schöneres, als auf dem Motorrad durch Nias zu brausen... Als wir jedoch das kleine Haus betraten, in dessen Wohnzimmer der Tote schon für alle sichtbar aufgebahrt war, verflog diese freie Stimmung. Der Mann war nicht älter als meine Eltern wie ich dem Kreuz, das an der Wand lehnte, entnehmen konnte und viel zu früh hatte er seine Frau und seine zwei Töchter verlassen. Und dann auch noch wegen einer Krankheit, die in Deutschland einfach dahergesagt wird, in Nias sterben aber sehr, sehr viele Menschen daran: Bluthochdruck.

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten

Mein Weihnachten ist dieses Jahr echt komplett ausgefallen, deshalb lasse ich es einfach mal aus. Ebenso Silvester. Naja, das habe ich auch überlebt ;)
Was mir aber auffällt, ist, dass Weihnachten auf Nias längst nicht vorbei ist! Es fängt erst richtig an! Hörte ich doch von meinen Mit-Freiwilligen, dass sie vor Weihnachten von einer Feier zur Nächsten geschleppt wurden, so beginnt das bei mir erst jetzt. Im Januar habe ich schon drei Weihnachtsfeiern besucht und übermorgen steht die riesige Feier von allen Schulen der BNKP Gunungsitolis an! Nach Weihnachten ist eben vor Weihnachten!
Dass ich in meiner Kindheit so oft die Maria beim Krippenspiel war, scheint sich mir irgendwie angeheftet zu haben, denn ich wurde gefragt, ob ich nicht die Maria bei der Weihnachtsfeier des Kantor Sinode sein könne. Ein bisschen aufgeregt war ich schon, denn meine indonesischen Sätze wurden von den anderen Jugendlichen des Spiels lauthals belacht und nachgeäfft (jaja, ich weiß, sie meinen es nicht böse...). Aber im Endeffekt lief alles gut, auch wenn ich jetzt andauernd mit "Maria" angesprochen werde.
Aber zu Silvester noch eine Sache: Ich habe am 31.12. alle Highlights des Jahres 2014 aufgeschrieben und muss sagen, dass ich echt baff war, als 36 (!) Highlights, also wirklich besondere Sachen, auf meiner Liste standen (und "nur" 6 davon nach meiner Ausreise, also der Rest hat sich in Deutschland abgespielt. Kaum zu glauben, oder? Wie wird das dann 2015 sein?!). Ich muss echt sagen, dass ich ziemlich dankbar dafür bin, so gesegnet zu sein!!

Umzug

Am 13.1. bin ich von meinem ersten Wohnort, dem Asrama Debora, zu meinem jetzigen Wohnort, dem Asrama STT (Wohnheim der theologischen Hochschule), gezogen. Das lag in erster Linie daran, dass im Asrama Debora keine jungen Leute mehr wohnten, das STT jedoch voll davon ist. Bis jetzt gefällt es mir ganz gut, auch wenn ich mich natürlich wieder einleben muss (wird das eigentlich nie aufhören?! :D), aber besonders die Bildung eines Tagesablaufs finde ich toll. Die Studenten können zuweilen sehr anstrengend sein und manchmal - oft - wünsche ich mir einfach, dass ich nicht mehr groß und weiß bin und somit mal als ganz normaler Mensch gesehen werden kann. Das ist aber in den letzten drei Monaten nicht der Fall gewesen und wird sich auch in den nächsten sieben Monaten wohl kaum ändern! Weiße in Gunungsitoli - eine Seltenheit.
Trotzdem merke ich zum Beispiel, dass sich mein Indonesisch sehr darüber freut, dass ich im STT wohne. Und wenn dann so spontane Sachen kommen wie abends den "Maina" zu tanzen, dann erfreuen sich alle daran, denn meine Tanz- und Koordinationskünste haben sich auch am anderen Ende der Welt nicht verbessert! :D

Schule

In der Schule läuft alles auch nach den Ferien wie gewohnt. Momentan wird viel für die große Weihnachtsfeier geprobt und es ist schön, wie sehr sich die Kinder freuen, mich zu sehen. Momentan gebe ich pro Tag eine kleine Deutschstunde in der vierten Klasse, was echt Spaß macht. Besonders schön war es, als sie mich mit dem Lied "He´s got the whole world" überraschten, das ich ihnen vor über einem Monat beigebracht habe!!

Essen

Nachdem ich eine der seltenen Personenwaagen betreten habe, habe ich einen wichtigen Vorsatz für das neue Jahr getroffen: Einfach nicht mehr auf eine Waage steigen!
Es ist nämlich praktisch unmöglich, Essen zu verweigern und ganz ehrlich - ich will es oft auch einfach nicht. Was ich besonders liebe, sind die Lunchpakete. Bei jedem größeren Event, sei es ein langer Gottesdienst, eine Hochzeit, ein Fest... (man kann sich merken: Immer dann, wenn mehr als ca. 5 Reden gehalten werden!), dann kommen diese herrlichen Papierboxen zum Vorschein. Flugs werden sie ausgeteilt, jeder bekommt eine. In dieser Box befinden sich: Reis. Fleisch (meistens Huhn). Gemüse (bleibt bei mir meistens liegen, da viel zu scharf. Und da Gemüse.) Eine kleine Plastiktüte mit einer Banane, dem Plastiklöffel und Serviette. Wirklich, es ist immer total lecker und ich könnte jetzt, wo ich es aufschreibe, auch schon wieder auf das nächste Event gehen.

Schwein ist das traditionelle Gericht auf Nias und auch das Wichtigste. Wer heiraten will, muss erst mal solange sparen, bis er ca. 10 Schweine kaufen und schlachten kann. Am Anfang habe ich mich ziemlich erschrocken, wenn dann da auf einmal der Kopf des Schweines auf dem großen Teller lag (zusammen mit allen anderen... Teilen) und das Fleisch fand ich auch nicht lecker. Tja, wenn mans falsch isst... Hat echt eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, Fleisch und das dadranhängende Fett + manchmal Borsten zu unterscheiden! Aber jetzt gibt es nichts Besseres als Schwein!

Oh Mann...

Natürlich gibt es viele Momente, in denen ich oft bis 10 zählen muss. Wenn mich zum Beispiel der 500. Student fragt, wohin ich gerade will. Oder wenn ich 15 Min dasselbe Gespräch führe, warum ich keinen Niasser heirate. Und dann die nächsten 15 Min. Und dann die nächsten... Deshalb bin ich jetzt stolze (oder eher nicht) Partnerin meines Freundes in Deutschland, Herr Imaginärus. Wenigstens kann ich mich jetzt so mal mit den Jungs unterhalten, ohne direkt angepfiffen zu werden oder falsche Hoffnungen zu wecken.
Diese "Ich muss zählen" Momente treten auch dann ein, wenn ich zum gefühlten 100. Mal erklären muss, warum ich absolut nichts dagegen habe, alleine zu schlafen (bei Mädchen jetzt.). Und in der Kirche. Oft habe ich das Gefühl, dass mein Glaube an die Institution Kirche nachlässt (kurze Info: Kirche und persönlicher Glaube sind zwei völlig unterschiedliche paar Schuhe). Aber das ist ein zu langes Thema, wen es interessiert, der kann mich ja gerne persönlich anschreiben oder ich erzähle es vielleicht, wenn ich wiederkomme. Es ist auch zu schwierig, das auf einem Blog zu erklären, denn man muss ja trotzdem sensibel damit umgehen. Aber vielleicht soviel: Ich kann nicht so ganz zustimmen, wenn die eine Lehrerin auf der Totenfeier für den Vater der Schülerin mit einem breiten Grinsen ins Mikro brüllt: Er hat es so gut! Er ist jetzt bei Jesus! Seid fröhlich!, während die Mutter weinend neben ihrem verstorbenen Mann sitzt. Nein, alles immer super toll zu finden, immer glücklich und fröhlich zu sein, da kann ich einfach nicht immer zustimmen, auch wenn es die Kultur ist, wie mir von allen Seiten immer zugesagt wird...

Aber dennoch sind es die Erfahrungen dieses Jahres. Und ich kann wirklich sagen, dass ich froh bin, es zu machen! Und das war jetzt ein sehr langer Blogeintrag! :D
Ich hoffe, es macht Euch nichts aus.

Liebe Grüße,
Anja

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Kommentare

  1. 1. Mama  |  20 Januar 2015, 07:55

    Toll, danke für Deine News!

 

 

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